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Hintergrund – Definitionen

Pragmatische und Strategische Bedürfnisse

pragmatische Bedürfnisse
 

strategische Perspektive

  • Arbeitsplätze
  • Existenzsicherung
  • Teilzeitarbeitsplätze, um Familie und Beruf vereinbaren und einer Beschäftigung nachgehen zu können
  • Kinderbetreuungseinrichtungen (Erreichbarkeit, Öffnungszeiten, Qualität)
  • Abbau der horizontalen und vertikalen Segmentation des Arbeitsmarkts
  • Gleiches Einkommen für gleichwertige Leistung
  • gleiche Verteilung der Betreuungsarbeit auf Frauen und Männer
  • gleiche Verteilung von Teilzeitarbeit auf Frauen und Männer
  • Beschäftigungssystem, in dem Teilzeitarbeit keine Schlechterstellung (z.B. bei Karrierechancen) bringt.
  • gleiche Verteilung von Betreuungsarbeit auf Frauen und Männer, unterstützt von öffentlichen Einrichtungen
  • Arbeitsorganisation (z.B. Arbeitszeitmodelle), die die Übernahme von Betreuungsarbeit ohne Nachteile zulässt

Ausgehend vom gegenwärtigen Geschlechterverhältnis, das nach wie vor die Benachteiligung von Frauen in vielen Dimensionen der Gesellschaft bedeutet, heißt der Weg zum Ziel Chancengleichheit in erster Linie Frauenförderung. Gender Mainstreaming bedeutet jedoch, den Blickwinkel auch auf Männer zu richten, und sie in gleichstellungspolitische Maßnahmen gezielt einzubeziehen. Denn Gleichstellung kann nicht durch eine ,Angleichung' oder ein ,Aufholen' der Frauen erreicht werden, sondern nur durch eine Veränderung der Strukturen für Frauen und Männer.

A2 Pragmatische und strategische Fördermaßnahmen

Maßnahmen zur Förderung der Chancengleichheit lassen sich graduell in pragmatische und strategische unterscheiden. (2) Pragmatische Förderung zielt auf die Kompensation von aktuellen Benachteiligungen und Hemmnissen von Frauen, die sich aus ihren geschlechtsspezifischen Rollen und Positionen ergeben, und setzt primär auf der individuellen Ebene an. Pragmatisch macht die Förderung der Beschäftigung von Frauen in traditionellen Frauenberufen Sinn, da hier der Nachfrage sowohl der Zielgruppe als auch des Arbeitsmarktes nachgekommen wird; die Beschäftigungschancen also vorweg gut bzw. besser sind. Den betreffenden Frauen wird dadurch der Berufseinstieg ermöglicht, gleichzeitig wird jedoch die horizontale Arbeitsmarktsegregation reproduziert.

Pragmatische Förderung dient dem Ausgleich von Benachteiligungen und der unmittelbaren Verbesserung der Lebenssituation von den Betroffenen. Zur Verfolgung des Ziels Chancengleichheit ist der pragmatische Ansatz alleine jedoch nicht ausreichend. Strategische Ansätze zielen langfristig auf die Verringerung struktureller Ungleichheiten wie zum Beispiel die horizontale und vertikale Segregation des Arbeitsmarktes; etwa mittels Maßnahmen, die auf Berufswahlprozesse von Mädchen und jungen Frauen zielen, Qualifizierungsmaßnahmen für Frauen im nichttraditionellen Bereich, die Förderung von Unternehmensgründerinnen und von Frauen in Schlüsselpositionen.

Im Idealfall ergänzen sich beide Ansätze, da pragmatische Förderung alleine langfristig zu kurz greift, strategische Maßnahmen jedoch ohne die Berücksichtigung unmittelbarer Problemlagen und Hemmnisse auf individueller Ebene zum Scheitern verurteilt sind. Die Förderung der Chancengleichheit bewegt sich jedoch im Spannungsfeld individueller und gesellschaftlich- struktureller Situationen von Frauen, was zu Widersprüchlichkeiten und Zielkonflikten führen kann. Während pragmatische Maßnahmen individuell unterstützen, jedoch bestehende Verhältnisse reproduzieren oder zumindest nicht abbauen können, sind strategische Maßnahmen nicht immer unmittelbar individuell positiv wirksam. Nichttraditionelle Qualifizierungsmaßnahmen, die strategisch der Arbeitsmarktsegmentation

entgegenwirken sollen, können für die Teilnehmerinnen etwa insofern problematisch sein, als sich der Berufseinstieg aufgrund des Einstellverhaltens von Betrieben als schwieriger erweisen kann bzw. die Frauen prinzipiell mit all jenen Schwierigkeiten, die sich aus ihrer Vorreiterinnenrolle ergeben können, rechnen müssen. Dies können beispielsweise ein Legitimationsdruck im privaten und beruflichen Umfeld sein oder die Notwendigkeit, mehr als männliche Kollegen leisten zu müssen, um Vorurteilen begegnen und Anerkennung finden zu können.

Umgekehrt kann ein pragmatisches Vorgehen im strategischen Verständnis kontraproduktiv sein. Die Ausweitung von Teilzeitmöglichkeiten für Frauen beispielsweise eröffnet diesen Beschäftigungschancen trotz Betreuungspflichten, jedoch ist die Aufnahme einer Teilzeitbeschäftigung mit Konsequenzen verbunden, die die Schlechterstellung

von Frauen am Arbeitsmarkt fortschreiben. Das Teilzeitangebot ist überwiegend auf wenige bestimmte, typisch weibliche Berufssparten konzentriert, wodurch sich die geschlechtsspezifische Segmentierung des Arbeitsmarktes hier noch deutlicher ausprägt. Darüber hinaus sind Teilzeitarbeitsplätze meist gekennzeichnet durch gering qualifizierte Tätigkeiten, niedrige Stundenlöhne und schlechte Aufstiegschancen. Das Einkommen reicht selten zur eigenständigen Existenzsicherung. Ebenso können dadurch kaum Ansprüche auf eine ausreichende soziale Sicherung im Falle von Arbeitslosigkeit oder Alter erworben werden (vgl. z.B. Finder 1995). Ökonomische Abhängigkeiten werden dadurch festgeschrieben und weibliche Erwerbstätigkeit einmal mehr zum ,Zuverdienst' degradiert. Abgesehen davon wird durch die Forcierung weiblicher Teilzeitarbeit die Verantwortlichkeit für Familie und Haushalt trotz Erwerbstätigkeit implizit weiterhin allein den Frauen zugeschrieben. Solange nicht vermehrt auch Männer die Möglichkeit der Teilzeitarbeit nutzen und sich dadurch deren Stellenwert und die damit verbundenen Konsequenzen für die Frauenbeschäftigung verändern, bleibt diese pragmatisch sinnvolle Lösung strategisch ambivalent. Auch zeigt dieses

Beispiel, dass Maßnahmen zur Erhöhung der Chancengleichheit nicht unbedingt immer nur auf Frauen zielen müssen.

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(1) Diese analytische Unterscheidung wurde erstmals von Maxine Molyneux geprägt und von Caroline Moser weiter entwickelt (vgl. March u.a. 1999) (zur Textstelle)


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